
„Der 9. September ist auch der Tag, an dem in München die Internationale Automobil-Ausstellung eröffnet wird, deren Kürzel an einen langgezogenen Eselschrei erinnert, um die halbe Stadt lahmzulegen und den öffentlichen Raum zu eventisieren. ‚Kreative Visionäre, Global Player und Thought Leader’ treffen sich dann dort in einem sogenannten ‚Visionary Club’ und reden über die Mobilität von morgen.“
Gerhard Matzig,
Süddeutsche Zeitung vom 26. August 2025



PROTECT ME FROM WHAT I WANT
THE UNATTAINABLE IS INVARIABLY ATTRACTIVE
YOU ARE SO COMPLEX YOU DON’T RESPOND TO DANGER
LACK OF CHARISMA CAN BE FATAL
MONOMANIA IS A PREREQUISITE OF SUCCESS
WHAT URGE WILL SAVE US NOW THAT SEX WON’T
Lakonische Botschaften schmücken den Art Car der amerikanischen Künstlerin Jenny Holzer. Mit ihren kurzen Texten zwischen Alltagsweisheit und hochpolitischem Statement wurde sie weltberühmt. In den 80er Jahren zeigte Jenny Holzer ihre sloganhaften Botschaften, darunter „PROTECT ME FROM WHAT I WANT“ in Plakaten und LED-Screens in Manhattans Stadtbild. Ein Slogan auf der Motorhabe sticht hervor. Es ist Jenny Holzers berühmtester: „PROTECT ME FROM WHAT I WANT“
Und wo wäre ihre Mahnung vor der kapitalistischen Sehnsuchtsschleife besser aufgehoben als auf einem Rennboliden mit 580 PS und einer Spitzengeschwindigkeit von 340 km/h?
„Ich wollte Texte wählen, die die Menschen zumindest zum Lachen bringen oder sie vielleicht ein bisschen erschrecken.“
Jenny Holzer / aus dem Pressetext von BMW
25 Jahre später hat Jenny Holzers Satz unerhörte Aktualität. Im wahrsten Sinn des Wortes unerhört verschärfen sich gerade die Folgen der Aufheizung des Erdklimas. Zugleich ist der massive Klimawandel angesichts anderer aktueller Krisen in Gesellschaft und Politik vielfach aus dem Blickfeld gerückt oder gleich hinten runtergefallen.

Zeichnung, entstanden 2023, während für das TIMELINE-Projekt zur Geschichte des Stadtteils der Laden des oben abgebildeten Wohnblocks als Projektraum genutzt wurde. Sie zeigt den BMW-Rennwagen, bei dem in Anlehnung an den ehemaligen Flughafen München Riem der Reifen als Flugzeugtriebwerk dargestellt ist.

Die Messestadt Riem ist geprägt von einer gemischten, multikulturellen Bewohnerschaft aus vielen Nationen. Auch Migration ist eine Form von Mobilität. Und für nicht wenige Einwohner sind die großen Ferien die Gelegenheit, um mit den Kindern in ihre ehemalige Heimat zu Ihren Wurzeln, zu Verwandten und Freunden zu reisen.
Auch als Standort der neuen Münchner Messe spielt hier die Mobilität von Menschen und Waren eine große Rolle. Der Stadtteil verfügt mit der U-Bahn über eine sehr gute öffentliche Nahverkehrs-Anbindung. Die zwischen der Messe und dem Wohnviertel laufende vierspurige Willy-Brandt-Allee (an der auch der obige Wohnblock liegt) wird abends oder nachts am Wochenende öfter mal zur Beschleunigungs- und Poser-Strecke.
Während der IAA ist der geballten PR-Macht der Autolobby im öffentlichen Raum wenig entgegenzusetzen. Die Hersteller dürfen an prominenten Plätzen in der Innenstadt ihre Modelle präsentieren, Demonstrationen werden an entfernte, wenig sichtbare Orte ausgelagert. Und auf Aktionen passiven Widerstands reagierte der Staat Bayern äußerst repressiv.
Schon 2021, während der ersten IAA in München, konnte man im Stadtviertel ganz eigene Eindrücke gewinnen.
Der Ideologie-Vorwurf an die Klimabewegung lässt sich allerdings genauso gut umdrehen, betrachtet man das Beharren auf die Verbrennertechnologie und das Festhalten am gängigen Wirtschaftsmodell. Und die gegenwärtige Absatzkrise deutscher Autohersteller rührt eher daher, dass hierzulande der Übergang zu Elektroantrieben verschlafen wurde und China günstigere, auch kleinere Modelle anbietet. Immerhin scheint auf der IAA 2025 klar zu sein, dass im „Stromer“ die Zukunft liegt. Aber so ganz sicher kann man sich da nicht sein, angesichts des eingelegten Rückwärtsgangs deutscher Wirtschafts- und Umweltpolitik.
Dennoch haben bereits umfassende Transformationsprozesse hin zu klimagerechter Mobilität, Energie und Wirtschaft begonnen. Für den dafür nötigen gesellschaftlichen Diskurs ist der öffentliche Raum ein wichtiges sichtbares Feld, das man vielleicht nicht nur ‘Global Playern’ und ‘Thought Leadern’ als Showroom überlassen sollte.